“Coprouduction”: Liebe und Sex als poetische Revolution

César Vayssié mit Alix Eynaudi und François Chaignaud im Tanzquartier Wien.

– Abendwind umspielt die Aloha-Barhütte, diese ironische Antithese zur Architektur des Mumok neben der Bocciafläche im Museumsquartier, als ein schwarzer bayerischer Kraftwagen anrollt. Ein schnittiger Fetisch, gelenkt von einem Mann. Die Frau neben ihm trägt eine blaue Mütze. An der Rückseite des Museums parken der französische Filmregisseur und Performancemacher César Vayssié und die Wiener Tänzerin Alix Eynaudi.

Vayssié arbeitet gerne mit Tänzern und Choreografen. Mit Boris Charmatz etwa, der gerade bei den Festwochen gastiert, entstanden Kurzfilme. Und mit François Chaignaud, der in Coprouduction alternierend zu Eynaudi tanzt, drehte er im Death Valley The Sweetest Choice. Eynaudi war Mitglied von De Keersmaekers Company Rosas und gehört zu den besten Tänzerinnen der Wiener freien Szene.

Frau und Mann

Coprouduction ist eine Beziehungskomposition. Erst lässt die Frau den Mann allein. Der streckt die Arme in verschiedene Richtungen, um die Umgebung auszuloten. Als Eynaudi zurückkehrt, entspinnt sich ein wortloser Dialog aus Gesten und Tanzbewegungen. Die Tänzerin beherrscht ihren Körper perfekt. Der Mann dagegen zeigt die Größe einer Person, die um ihre Unterlegenheit weiß. Seine Partnerin lässt ihn den Unterschied nie spüren, auch nicht durch nachsichtige Unterstützung. Er seinerseits verzichtet auf die Imponiergesten eines Mannes gegenüber einer ihm überlegenen Frau. So etwas im Tanz herauszuarbeiten ist nicht leicht, es aber so durchzuhalten wie hier, das grenzt an Meisterschaft.

Beziehungsdrama im Tanz

Vayssié und Eynaudi brechen die Emotionen einer kulturaffinen Mittelklasse auf. Ihr Tanz nähert sich dem Verlauf von psychologischen Mustern wie in einem russischen Roman, die Choreografie ähnelt einem jener feinziselierten Beziehungsdramen, wie sie nur der französische Film hervorbringt. Weil es keinen Text gibt, zählt jede Situation, jeder Übergang und jede Nuance im Tanz.

Zwischendurch erklingt die Stimme der Aktivistin Audre Lorde, die über Liebe und Sex als poetische Revolution spricht. Das ist nicht zu viel, vor allem unter dem Gesichtspunkt , dass Vayssié das Stück genderübergreifend mit Eynaudi und an einem anderen Abend mit dem Tänzer François Chaignaud tanzt. Am Ende hatte das Publikum im Museumsquartier, umgeben vom Treiben der Passanten, ein außerordentliches Erlebnis.

HELMUT PLOEBST

15. Juni 2018